Das Journal der Schreibenden • 29 September 2026

Das Exposé: Was eine Agentur in zwei Minuten sucht

Das Exposé: Was eine Agentur in zwei Minuten sucht

In einer Literaturagentur liegen an einem gewöhnlichen Montag mehrere Dutzend unverlangte Einsendungen. Die Person, die sie öffnet, hat für jede ungefähr zwei Minuten. Nicht aus Geringschätzung — aus Arithmetik.

Ein Exposé ist deshalb kein Werbetext und kein Klappentext. Es ist ein Formular für zwei Minuten: Es beantwortet in einer festen Reihenfolge die Fragen, die über ein Weiterlesen entscheiden. Wer diese Reihenfolge kennt, hat einen Vorteil, der nichts mit Talent zu tun hat.

Der Fehler, der neun von zehn Exposés kostet

Die meisten Exposés verschweigen das Ende. Der Gedanke dahinter ist verständlich: Man will Spannung erzeugen, die Neugier wecken, zum Weiterlesen verführen. Im Verlagswesen bewirkt es das Gegenteil.

Ein Lektorat muss beurteilen, ob die Geschichte trägt — ob die Anlage des ersten Kapitels im letzten eingelöst wird. Ein Exposé, das mit "Und ob es Anna gelingt, erfahren Sie im Manuskript" endet, verweigert genau die Auskunft, wegen der es gelesen wird. Es wird nicht als Spannung gelesen, sondern als Unsicherheit des Autors über den eigenen Schluss.

Schreiben Sie das Ende hin. Vollständig, in einem Satz, an der Stelle, an der es hingehört. Sie verlieren nichts; der Leser Ihres Exposés ist kein Käufer, sondern ein Gutachter.

Die sechs Bestandteile, in der Reihenfolge, in der sie gelesen werden

1

Die Eckdaten

Titel, Genre, Umfang in Normseiten, Zielgruppe. Vier Zeilen, ganz oben, ohne Einleitung. Eine Agentur entscheidet an dieser Stelle, ob das Projekt überhaupt in ihr Programm passt — und diese Entscheidung soll sie schnell treffen können, auch wenn sie negativ ausfällt.

2

Der Einzeiler

Ein einziger Satz, der Figur, Konflikt und Einsatz enthält. Er ist der schwerste Teil des ganzen Dokuments und derjenige, der am häufigsten weiterzitiert wird — in der Programmkonferenz spricht niemand Ihre zehn Seiten nach, sondern diesen Satz.

3

Die Inhaltsangabe

Zwei bis vier Seiten, Präsens, dritte Person, mit Ende. Keine Kapitelliste, sondern der Handlungsbogen: Was setzt die Geschichte in Gang, was verschärft sie, woran scheitert die Figur zuerst, wie löst sich das auf. Nebenstränge nur, wenn sie den Hauptstrang verändern.

4

Die Einordnung

Zwei oder drei Vergleichstitel aus den letzten Jahren, mit einem Satz, was Ihr Buch anders macht. Das ist keine Anmaßung, sondern eine Dienstleistung: Sie sagen dem Verlag, in welches Regal das Buch gehört und wer es bereits gekauft hat.

5

Die Vita

Kurz und relevant. Veröffentlichungen, Preise, einschlägige Berufserfahrung, Reichweite, wenn vorhanden. Ohne Veröffentlichungen genügen drei Zeilen; ein ausführlicher Lebenslauf ohne literarische Bezüge wirkt eher schwächer als keiner.

6

Die Leseprobe

In der Regel die ersten zwanzig bis dreißig Normseiten — von Anfang an, nicht die Lieblingsstelle aus der Mitte. Ein Verlag prüft, ob ein Buchhandelskunde nach der ersten Seite weiterliest, und dafür braucht er die erste Seite.

Normseite: die Maßeinheit, nach der gefragt wird

Wenn eine Agentur nach dem Umfang fragt, meint sie Normseiten, nicht Seiten Ihrer Textverarbeitung. Die klassische Definition liegt bei dreißig Zeilen zu sechzig Anschlägen, also rund 1.800 Zeichen einschließlich Leerzeichen. Viele Häuser rechnen inzwischen direkt mit der Zeichenzahl.

Schreibtisch mit Manuskriptseiten und Notizen
Der Umfang wird in Zeichen gemessen, nicht in Seiten.

Übliche Größenordnungen

Ein Roman im Publikumsverlag liegt meist zwischen 250 und 450 Normseiten. Deutlich darunter wird es schwer, den Ladenpreis zu rechtfertigen; deutlich darüber steigen Herstellungskosten und Lektoratsaufwand, was bei einem Debüt selten getragen wird.

Das ist keine Regel, sondern eine Verteilung. Ein Debüt mit 700 Normseiten wird nicht abgelehnt, weil es zu lang ist — es wird strenger geprüft, weil es teurer ist.

Wohin, und wie oft

Die meisten großen Publikumsverlage nehmen keine unverlangten Manuskripte mehr an. Der reguläre Weg führt über eine Literaturagentur, die als Filter und als Verhandlungspartner auftritt und im Erfolgsfall prozentual beteiligt wird.

Recherchieren Sie das Programm. Eine Agentur, die ausschließlich Sachbuch vertritt, lehnt Ihren historischen Roman nicht wegen seiner Qualität ab. Zehn passende Adressen schlagen fünfzig wahllose.

Halten Sie die Einsendungsrichtlinien ein. Jede Agentur nennt auf ihrer Website Format, Umfang und Weg. Wer davon abweicht, signalisiert, dass er die Seite nicht gelesen hat.

Rechnen Sie mit Monaten. Drei bis sechs Monate Wartezeit sind normal, eine ausbleibende Antwort ist es ebenfalls. Eine höfliche Nachfrage nach etwa drei Monaten ist üblich, eine zweite nicht.

Schreiben Sie weiter. Die Wartezeit ist die beste Zeit für das nächste Projekt. Sie ist außerdem die einzige, in der Ablehnungen nicht als Urteil über Ihr Schreiben wirken, sondern als Post.

Wenn Sie stattdessen selbst veröffentlichen wollen, beschreibt Selfpublishing in Deutschland die rechtlichen und vertrieblichen Schritte. Und wer noch am Manuskript sitzt, findet in Schreibprogramm für Bücher die Werkzeugfrage.

Ein Exposé entsteht nicht am Ende, sondern nebenher

In Writer Atlas liegt das Exposé als eigene Seite neben den Kapiteln desselben Buches, zusammen mit Figuren und Notizen. Der Handlungsbogen bleibt dadurch sichtbar, während Sie schreiben, und die Leseprobe exportieren Sie mit einem Klick nach DOCX oder PDF — im Format, das die Agentur verlangt.

Häufige Fragen

Wie lang soll ein Exposé sein?

Für einen Roman hat sich ein Umfang von zwei bis fünf Seiten eingebürgert, zuzüglich Leseprobe. Manche Agenturen nennen eine eigene Vorgabe — dann gilt diese, auch wenn sie Ihnen zu knapp erscheint.

Muss das Manuskript fertig sein, bevor ich ein Exposé verschicke?

Bei Belletristik und insbesondere bei einem Debüt: ja. Sachbücher werden regelmäßig über ein Exposé mit Probekapitel verkauft, Romane fast nie. Ein Verlag kauft bei unbekannten Autoren ein fertiges Buch, kein Versprechen.

Darf ich mehrere Agenturen gleichzeitig anschreiben?

Ja, das ist üblich und wird erwartet. Bei ernsthaftem Interesse mehrerer Seiten informieren Sie die Beteiligten offen darüber — Verschweigen fällt spätestens bei der Vertragsverhandlung auf.

Was ist eine Normseite genau?

Klassisch dreißig Zeilen zu sechzig Anschlägen, also etwa 1.800 Zeichen mit Leerzeichen. Für eine Umfangsangabe teilen Sie die Gesamtzeichenzahl Ihres Manuskripts durch 1.800 und runden.

Soll ich das Ende der Geschichte wirklich verraten?

Ja. Das Exposé ist ein Gutachtendokument, kein Klappentext. Ein verschwiegenes Ende gilt als Hinweis darauf, dass der Schluss nicht trägt, und kostet häufiger die Lektüre, als es Neugier erzeugt.

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